Langeweile bei Menschen mit Demenz verstehen und wirksam begegnen
von Tobias Münzenhofer
Fortbildung zum Artikelthema
Zur FortbildungLangeweile ist nicht Nichtstun - Wenn im Alltag Bedeutung fehlt
Langeweile bei Menschen mit Demenz ist kein Nebenthema und erst recht kein Ruf nach Dauerbespaßung. Sie kann darauf hinweisen, dass ein Mensch zwar das Bedürfnis nach Tätigkeit, Beteiligung oder Kontakt hat, aber keine für ihn passende Möglichkeit findet. Entscheidend ist deshalb nicht, wie viele Angebote eine Einrichtung vorhält. Entscheidend ist die Passung zwischen Bedürfnissen, Fähigkeiten, Umwelt und der Möglichkeit, selbst Einfluss zu nehmen.
Das ist verständlich. Menschen mit Demenz können ihr Erleben nicht immer eindeutig benennen. Zudem ist Langeweile von außen nicht sicher erkennbar: Wer still sitzt, kann sich langweilen, sich ausruhen, aufmerksam beobachten, Schmerzen haben oder erschöpft sein. Wer umhergeht, kann unterfordert sein, aber ebenso Angst, Harndrang, ein Delir oder den Wunsch nach einem vertrauten Ort haben. Langeweile ist deshalb keine Diagnose, sondern zunächst eine Verstehenshypothese. Richtig genutzt erweitert sie den pflegefachlichen Blick. Vorschnell verwendet verdeckt sie andere Ursachen.
Was Langeweile fachlich bedeutet
In der psychologischen Forschung wird Langeweile im Kern als unangenehmes Erleben beschrieben, tätig werden zu wollen, aber keinen Zugang zu einer befriedigenden oder bedeutsamen Tätigkeit zu finden. Es fehlt nicht zwingend irgendeine Beschäftigung. Es fehlt eine Tätigkeit, der sich der Mensch aufmerksam zuwenden kann und die für ihn in diesem Moment Bedeutung besitzt (Eastwood et al. 2012; Westgate & Wilson 2018).
Für die Demenzpflege lässt sich Langeweile daher als unerfülltes Bedürfnis nach erfüllendem Tätigsein, Beteiligung oder sozialer Verbundenheit verstehen. Der Ausdruck „Tätigsein“ ist dabei weiter als das Wort Beschäftigung. Er umfasst nicht nur geplante Gruppenangebote, sondern auch alltägliches Tun, Beobachten, Mitentscheiden, Kontakt, vertraute Rituale, Bewegung und das Erleben, gebraucht zu werden.
Die Forschung zu meaningful activity zeigt, dass eine Tätigkeit vor allem dann als bedeutsam erlebt wird, wenn sie Verbundenheit ermöglicht: mit sich selbst und der eigenen Identität, mit anderen Menschen sowie mit der Umwelt. Freude, Zugehörigkeit, biografische Kontinuität, ein persönliches Ziel und das Gefühl, weiterhin Teil der Welt zu sein, sind wichtiger als ein möglichst anspruchsvolles Ergebnis (Han et al. 2016; Tierney et al. 2023).
Damit wird verständlich, warum auch ein voller Wochenplan langweilen kann. Ein Quiz ist nicht schon deshalb sinnvoll, weil es stattfindet. Ein Bastelangebot ist nicht person-zentriert, weil verschiedene Farben zur Auswahl stehen. Und eine Bewohnerin ist nicht beteiligt, nur weil sie körperlich in einer Gruppe sitzt. Beschäftigung füllt Zeit. Bedeutsames Tätigsein schafft Verbindung, Einfluss und einen subjektiv stimmigen Anlass, sich einzulassen.
Inaktivität ist nicht automatisch Langeweile
Die Gleichung „inaktiv gleich gelangweilt“ ist fachlich falsch. Menschen dürfen ruhen, dösen, beobachten oder einfach nichts tun. Gerade nach einem langen, arbeitsreichen Leben kann Nichtstun sogar als wohltuender Kontrast erlebt werden. Auch passive Teilnahme kann bedeutsam sein: dem Geschehen in der Küche zuhören, andere im Garten beobachten oder bei einer Gruppe dabeisitzen, ohne aktiv mitzumachen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Was macht die Person gerade?“, sondern: „Wie erlebt sie diese Situation?“ Wirkt sie entspannt und zugewandt? Verfolgt sie das Geschehen mit Blicken? Kann sie ein Angebot ablehnen, ohne dass Anspannung zurückbleibt? Oder zeigen sich Frustration, suchende Unruhe, Resignation, Gereiztheit oder das Gefühl, dem Tag ausgeliefert zu sein?
Was eine aktuelle Studie tatsächlich zeigt
Eine explorative Untersuchung von Gebhard und Frank macht sichtbar, wie unterschiedlich Alltag und Langeweile in stationären Einrichtungen erlebt werden. In fünf traditionellen Pflegeeinrichtungen in Bayern wurden 46 Menschen mit leichter bis mittelschwerer Demenz an jeweils zwei Tagen beobachtet. Insgesamt gingen 2.724 Momentaufnahmen und 17 Interviews in die Auswertung ein.
Zu 47,5 Prozent der beobachteten Zeit saßen oder lagen die Teilnehmenden ohne konkrete Aktivität beziehungsweise ruhten oder schliefen. Diese Zahl darf jedoch nicht mit erlebter Langeweile gleichgesetzt werden. Nur 16 Interviewte machten dazu Angaben: Sieben berichteten gelegentliche Langeweile, drei häufige oder andauernde Langeweile und sechs keine Langeweile. Zehn von 16 Personen berichteten somit überhaupt von Langeweile.
Die Untersuchung liefert keine repräsentative Häufigkeit für Pflegeheime. Dafür sind die Stichprobe, die Zahl der Interviews und die Auswahl der Einrichtungen zu klein. Ihr eigentlicher Wert liegt an anderer Stelle: Äußerlich ähnliche Tagesabläufe wurden subjektiv sehr verschieden erlebt – von angenehmer Ruhe bis zu Frustration, Hoffnungslosigkeit und stiller Resignation. Sichtbare Inaktivität und erlebte Langeweile sind also nicht dasselbe. Die Studie unterstreicht gerade deshalb, dass Beobachtung allein nicht genügt und personbezogene Einschätzung unverzichtbar ist (Gebhard & Frank 2024).
Langeweile entsteht durch fehlende Passung
Bei Menschen mit Demenz bleibt das Bedürfnis nach Sinn, Tätigkeit, Beziehung und Selbstwirksamkeit grundsätzlich bestehen. Gleichzeitig können Fähigkeiten abnehmen, mit denen Menschen früher selbst für Abwechslung sorgten: eine Tätigkeit beginnen, mehrere Handlungsschritte planen, zwischen Möglichkeiten wählen, die Aufmerksamkeit halten, Schwierigkeiten überwinden oder selbstständig Kontakt aufnehmen.
Langeweile entsteht deshalb häufig nicht durch einen einzelnen Mangel, sondern durch eine fehlende Passung zwischen vier Bereichen:
- Bedürfnisse und Bedeutung: Was interessiert den Menschen? Was entspricht seinen Werten, Gewohnheiten, Rollen und seinem gegenwärtigen Bedürfnis?
- Fähigkeiten: Was kann die Person wahrnehmen, verstehen, beginnen und ausführen? Welche Unterstützung, Vereinfachung oder Pause benötigt sie?
- Umweltangebote: Welche Gelegenheiten zu Tätigkeit, Kontakt und Beteiligung sind tatsächlich erreichbar? Unterstützen Licht, Geräuschpegel, Material, Raum und Tageszeit das Mitmachen?
- Handlungsmacht: Kann der Mensch auswählen, ablehnen, beginnen, verändern oder beenden? Kann er auf das Signal „Diese Situation passt nicht“ mit einer Alternative reagieren?
Gerade die Handlungsmacht wird leicht unterschätzt. Wenn Mahlzeiten, Aufenthaltsort und Aktivitäten weitgehend von der Organisation bestimmt werden, können Menschen kaum auf das Signal „Diese Situation passt nicht“ reagieren. Der oft kritisierte „Hotelcharakter“ berührt genau diesen Punkt: Gut versorgt zu sein ist unverzichtbar. Wenn Fürsorge jedoch dazu führt, dass alles abgenommen wird, gehen vertraute Rollen, Aufgaben und Entscheidungen verloren. Eine Einrichtung kann reibungslos funktionieren und dennoch Passivität erzeugen.
Mit fortschreitender Demenz muss nicht der Sinn kleiner werden
Mit fortschreitender Demenz verändern sich die Bedingungen gelingender Tätigkeit. Häufig müssen Aufgaben kürzer, konkreter und überschaubarer werden. Mehrschrittige Handlungen benötigen Vorbereitung, sichtbare Materialien, Vormachen, verbale oder gestische Hinweise und eine verlässliche Begleitung. In einer Untersuchung individuell verordneter Aktivitäten unterschieden sich Tätigkeitsart, notwendige Impulse und sinnvolle Dauer deutlich nach dem Demenzstadium. Bei schwerer Demenz wurden häufiger einfache Bewegungs-, Tast-, Sortier- und Handhabungsaktivitäten eingesetzt; zugleich waren mehr Hilfen beim Beginnen und Dranbleiben nötig (Regier et al. 2017).
Das bedeutet nicht: Je schwerer die Demenz, desto belangloser die Aufgabe. Im Gegenteil. Die Handlung darf einfacher werden, ihre Bedeutung sollte erhalten bleiben. Tücher zu falten kann an frühere Haushaltsführung anschließen. Werkzeug zu sortieren kann eine vertraute berufliche Rolle berühren. Gemüse zu waschen, Servietten zu verteilen, eine Oberfläche abzuwischen, Erde zwischen den Fingern zu spüren oder gemeinsam ein bekanntes Lied zu hören kann Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit ermöglichen.
Langeweile, Apathie, Depression und Agitation sind nicht dasselbe
Langeweile
Langeweile ist ein subjektiv unangenehmer Zustand: Die gegenwärtige Situation trägt nicht, obwohl ein Bedürfnis nach einem anderen, befriedigenderen Erleben besteht. Sie kann still, resigniert, suchend oder gereizt erscheinen.
Apathie
Apathie bezeichnet ein klinisch relevantes Muster verminderter Initiative, verminderten Interesses oder reduzierter emotionaler Reaktion. Nach Konsensuskriterien muss es eine Veränderung gegenüber dem früheren Verhalten darstellen, über mindestens vier Wochen anhalten oder häufig wiederkehren, die Funktionsfähigkeit beeinträchtigen und darf nicht ausschließlich anders erklärbar sein (Miller et al. 2021). Ein Mensch kann von einer passenden Aktivität profitieren, ohne sie selbst beginnen zu können.
Depression
Eine Depression ist mehr als Langeweile oder fehlender Antrieb. Zu ihr können anhaltend gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudverlust, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle, Schlaf- oder Appetitveränderungen und Suizidgedanken gehören. Anhaltender Rückzug verlangt daher fachliche Abklärung und darf nicht vorschnell mit mehr Beschäftigung beantwortet werden.
Agitation
Agitation beschreibt vor allem angetriebenes, unruhiges oder aggressives Verhalten. Sie ist kein Beweis für Langeweile. Schmerzen, Delir, Angst, Überforderung, Medikamente, Schlafmangel, körperliche Bedürfnisse, sensorische Probleme, belastende Kommunikation und die Umgebung kommen ebenfalls als Ursachen infrage. Die S3-Leitlinie Demenzen fordert deshalb zunächst eine Verhaltensanalyse mit Ursachenidentifikation (DGN & DGPPN 2026).
Auch der Ausdruck „apathische Langeweile“ darf nicht missverstanden werden. Er bezeichnet in der explorativen Langeweileforschung einen besonders negativ erlebten Typ mit sehr geringer Aktivierung, Hoffnungslosigkeit und Resignation. Er ist keine Diagnose einer klinischen Apathie. Ebenso kann „reaktante Langeweile“ mit Unruhe und dem starken Wunsch einhergehen, einer Situation zu entkommen, ohne dass damit jede Agitation erklärt wäre.
Für Pflege und Betreuung folgt daraus eine klare Regel: Langeweile kann eine Erklärung für Verhalten sein, aber niemals die einzige Prüffrage. Bei neuem oder deutlich verändertem Verhalten haben körperliche und akut behandlungsbedürftige Ursachen Vorrang.
Herausforderndes Verhalten als Beziehungsgeschehen verstehen
Was als herausfordernd erlebt wird, entsteht nicht allein „in“ der Person. Verhalten trifft auf Erwartungen, Zeitdruck, Regeln, Räume und Reaktionen anderer. Langeweile als Hypothese verändert die Frage: Statt „Wie stoppen wir das Verhalten?“ lautet sie: „Welche nicht passende oder unerfüllte Situation könnte sich darin ausdrücken?“ Vielleicht fehlt eine Aufgabe oder Gesellschaft. Vielleicht ist das Angebot zu schwierig. Vielleicht ist nicht Unterforderung, sondern Überforderung das Problem.
Diese Sicht entschuldigt kein gefährliches Verhalten, verhindert aber eine vorschnelle Behandlung der sichtbaren Störung. Die S3-Leitlinie empfiehlt bei Agitation personalisierte Aktivierung, Musik- oder Berührungstherapie; die zugrunde liegende Evidenz ist jedoch niedrig. Es geht daher nicht um irgendeine Aktivität bei jeder Unruhe, sondern um Ursachenanalyse und eine gezielt erprobte, individuelle Antwort.
Ein Praxisfall: vom Etikett zur überprüfbaren Hypothese
Frau S. läuft fast jeden Nachmittag über den Wohnbereich und fragt wiederholt, wann es weitergehe. Das Gedächtnistraining lehnt sie ab. Die Beobachtung zeigt: Das Verhalten beginnt nach dem Kaffeetrinken, wenn Geschirr abgeräumt wird und die meisten anderen vor dem Fernseher sitzen. Frau S. war viele Jahre für Haushalt und Familie verantwortlich. Sobald Mitarbeitende mit dem Geschirrwagen beginnen, steht sie auf, wird aber wieder zum Sitzen aufgefordert.
Das Team prüft zunächst Schmerzen, Harndrang, Verstopfung, Hunger, Durst, akute Verwirrtheit, Schlaf, Medikamente, Angst und sensorische Probleme. Es findet sich kein Hinweis auf eine akute Ursache. Die Arbeitsannahme lautet nicht „Frau S. hat Langeweile“, sondern: Die passive Phase passt möglicherweise nicht zu ihrem Bedürfnis nach Aufgabe und ihrer vertrauten Rolle.
Frau S. wird gefragt, ob sie Servietten einsammeln und Geschirr sortieren möchte. Die Aufgabe wird in wenige Schritte gegliedert, ohne Leistungsdruck begleitet und kann jederzeit beendet werden. Das Team beobachtet: Beginnt sie? Bleibt sie dabei? Wirkt sie entspannter? Lehnt sie ab oder ist sie überfordert? Erst die Reaktion bestätigt, verändert oder widerlegt die Hypothese. Professionelles Verstehen bleibt ein Kreislauf aus Beobachten, Abklären, Erproben und Bewerten.
Ein praxistaugliches Vorgehen in sechs Schritten
- Verhalten beschreiben: Was ist konkret zu sehen oder zu hören – ohne Etiketten wie „unmotiviert“ oder „nervig“?
- Muster erkennen: Wann, wo und wie lange tritt es auf? Was geschieht davor und danach? Gibt es Leer- oder Übergangszeiten?
- Andere Ursachen prüfen: Schmerzen, Delir, Depression, Angst, Müdigkeit, körperliche Bedürfnisse, Medikamente, Sinnesprobleme und Überforderung mitdenken.
- Passung analysieren: Welche Bedürfnisse, Rollen und Fähigkeiten sind berührt? Ist das Angebot zu schwierig, zu laut, zu lang oder bedeutungslos?
- Handlungsmacht ermöglichen: Eine konkrete Alternative anbieten und Auswahl, Ablehnung, Tempo und Ende möglichst bei der Person belassen.
- Wirkung auswerten: Beobachtung dokumentieren, Hypothese anpassen und hilfreiche Bedingungen in den Alltag übertragen.
Was die Evidenz zu personalisierten Aktivitäten hergibt
Personalisierung ist plausibel und leitliniengerecht, aber kein Zaubertrick. Eine Cochrane-Übersicht mit elf kontrollierten Studien und 1.071 Menschen zeigt: Persönlich zugeschnittene Aktivitäten können Agitation geringfügig reduzieren. Für Lebensqualität zeigte sich wenig bis kein Unterschied; zu Stimmung, Engagement und Schlaf bleiben die Ergebnisse unsicher. Die Evidenz ist überwiegend niedrig oder sehr niedrig (Möhler et al. 2023). Das belegt weder, dass Agitation generell aus Langeweile entsteht, noch wie ein optimales Programm aussieht. Individuelle Angebote müssen sich an der Reaktion des Menschen bewähren.
Beziehung ist keine Zugabe zur Aktivität
Manche Menschen brauchen nicht zuerst eine Aufgabe, sondern ein Gegenüber. Ein gemeinsamer stiller Moment kann bedeutsamer sein als eine halbe Stunde Programm. Soziale Resonanz entsteht in unscheinbaren Begegnungen: beim Abholen zum Essen, Mitgehen auf dem Flur oder gemeinsamen Blick aus dem Fenster. Bei fortgeschrittener Demenz gewinnen Tonfall, Blickkontakt, Körperorientierung und ein abgestimmtes Tempo an Bedeutung.
Beziehung ist jedoch kein Mittel, um Menschen zur Teilnahme zu bewegen. Auch ein Nein ist Handlungsmacht. Wer Ablehnung respektiert und später anders Kontakt anbietet, behandelt die Person nicht als Objekt eines Aktivierungsplans.
Was Führung und Qualitätsmanagement daraus ableiten können
Langeweile ist nicht allein Aufgabe der Betreuungskräfte. Ob Menschen beteiligt werden können, entscheidet sich an Personalorganisation, Tagesstruktur, Rollenverständnis, räumlicher Gestaltung und Teamkultur. Ein zusätzlicher Beschäftigungskalender löst wenig, wenn im übrigen Alltag jede Mithilfe aus Zeitgründen unterbunden wird.
Für Führungskräfte und Qualitätsverantwortliche stellen sich deshalb konkrete Fragen:
- Welche längeren Warte- und Leerlaufzeiten zeigen sich im tatsächlichen Tagesablauf?
- Welche Tätigkeiten erledigt das Personal vollständig, obwohl Beteiligung möglich wäre?
- Kennen Mitarbeitende Interessen, frühere Rollen und aktuell notwendige Hilfen?
- Werden Ablehnung, Rückzug und Unruhe als Informationen oder nur als Störung bewertet?
- Gibt es eine verbindliche Vorgehensweise, um bei verändertem Verhalten körperliche, psychische, medikamentöse, soziale und umweltbezogene Ursachen zu prüfen?
- Werden gelingende kleine Situationen im Team weitergegeben und in Pflegeplanung und Tagesgestaltung übersetzt?
Ein realistischer Blick auf die Grenzen
Nicht jede Langeweile ist vermeidbar, nicht jede Unruhe durch Tätigkeit zu verringern und nicht jeder ruhige Mensch wartet auf Aktivierung. Die Forschung ist noch klein und fragmentiert. Aktivierung darf deshalb kein moralischer Auftrag werden, nach dem ein „guter“ Bewohner sichtbar tätig sein müsse. Menschen behalten das Recht auf Rückzug, Langsamkeit und Nichtstun. Problematisch wird es, wenn Ruhe nicht gewählt oder angenehm erlebt wird, sondern aus fehlenden Möglichkeiten, Überforderung, Resignation oder sozialer Leere entsteht.
Fazit
Langeweile bei Menschen mit Demenz weist möglicherweise auf eine Unterversorgung mit bedeutsamem Tätigsein, Beteiligung, Beziehung und Handlungsmacht hin. Sie kann still oder unruhig erscheinen, ist aber weder mit Apathie noch mit Depression oder Agitation gleichzusetzen. Bei verändertem Verhalten bleibt sie eine von mehreren Verstehenshypothesen; andere Ursachen müssen systematisch geprüft werden.
Die passende Antwort ist keine Dauerbespaßung, sondern ein Alltag, der Menschen nicht nur versorgt, sondern sie wahrnimmt, beteiligt und ihnen etwas zutraut. Nicht mehr Programm ist die Forderung, sondern mehr Passung zwischen Person, Moment, Beziehung, Tätigkeit und Umwelt.
Literatur
- Cohen-Mansfield, J., Dakheel-Ali, M., Marx, M. S., Thein, K. & Regier, N. G. (2015). Which unmet needs contribute to behavior problems in persons with advanced dementia? Psychiatry Research, 228(1), 59–64. Zur Publikation
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) & Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) (Hrsg.) (2026). S3-Leitlinie Demenzen, Version 6.1, AWMF-Registernummer 038-013. Zur Leitlinie
- Eastwood, J. D., Frischen, A., Fenske, M. J. & Smilek, D. (2012). The unengaged mind: Defining boredom in terms of attention. Perspectives on Psychological Science, 7(5), 482–495. Zur Publikation
- Gebhard, D. & Frank, L. (2024). Everyday life and boredom of people living with dementia in residential long-term care: A merged methods study. BMC Geriatrics, 24, 1067. Zur Publikation
- Han, A., Radel, J., McDowd, J. M. & Sabata, D. (2016). Perspectives of people with dementia about meaningful activities: A synthesis. American Journal of Alzheimer’s Disease & Other Dementias, 31(2), 115–123. Zur Publikation
- Miller, D. S. et al. (2021). Diagnostic criteria for apathy in neurocognitive disorders. Alzheimer’s & Dementia, 17(12), 1892–1904. Zur Publikation
- Möhler, R., Calo, S., Renom, A., Renom, H. & Meyer, G. (2023). Personally tailored activities for improving psychosocial outcomes for people with dementia in long-term care. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 3, CD009812. Zur Publikation
- Regier, N. G., Hodgson, N. A. & Gitlin, L. N. (2017). Characteristics of activities for persons with dementia at the mild, moderate, and severe stages. The Gerontologist, 57(5), 987–997. Zur Publikation
- Tierney, L., MacAndrew, M., Doherty, K., Fielding, E. & Beattie, E. (2023). Characteristics and value of “meaningful activity” for people living with dementia in residential aged care facilities: You’re still part of the world, not just existing. Dementia, 22(2), 305–327. Zur Publikation
- Westgate, E. C. & Wilson, T. D. (2018). Boring thoughts and bored minds: The MAC model of boredom and cognitive engagement. Psychological Review, 125(5), 689–713. Zur Publikation
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